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6 Erfolgsfaktoren der Corona-Warn-App, die wir für die digitale Verwaltung nutzen können

Autor
André Claaßen
Datum

Am 6.5.2020 trifft die Bundeskanzlerin gemeinsam mit den Bundesländern eine Entscheidung: Die Corona-Warn-App des Bundes, ein aus der Krise geborenes Großprojekt zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie, wird vollständig als Open Source bereitgestellt. Mit dieser Entscheidung entsteht eine Behördensoftware der besonderen Art: Einfache Nutzbarkeit, große Unterstützung in der Öffentlichkeit und eine bislang noch nie da gewesene Nutzerakzeptanz. Wir haben die Corona-Warn-App und ihren Werdegang betrachtet und dabei 6 Punkte entdeckt, die für die Verwaltungsdigitalisierung hilfreich sein können.

Corona-Warn-App
© Christian Schwier - stock.adobe.com

1. Transparenz führt zu Akzeptanz

Es gibt eine entscheidende Kennzahl, die für sämtliche digitale Angebote maßgeblich ist: die Nutzungsrate. Die dahinterliegende Frage ist einfach: Wie viele Menschen nutzen das digitale Angebot der Behörde wirklich? Vor diesem Hintergrund hat die Corona-Warn-App einen unfassbaren Rekord hingelegt. Nach nur 4 Tagen wurde die App über 10 Millionen Mal installiert. Zum Vergleich: Die AusweisApp für den neuen Personalausweis (nPA) benötigte ganze 4 Jahre, um auf 2 Millionen Downloads zu kommen.

Es ist offensichtlich, dass die Nutzer die Corona-Warn-App nicht in einem solchen Maße akzeptiert hätten ohne völlige Offenlegung des Programmcodes . Sehr schnell wären Mutmaßungen über die Funktionsweise angestellt worden, die letztendlich zur Verunsicherung potenzieller Nutzer geführt hätte. Als warnendes Beispiel kann die App StopVivid aus Frankreich dienen. Eine zentrale Verarbeitung der Kontaktdaten in Kombination mit Verschluss des Quellcodes der App führte zu einem Boykott durch die Bürger. Bis heute gibt es gerade einmal 1,5 Millionen Downloads und 600.000 aktive Nutzer in Frankreich.

Wir lernen: Transparenz und Offenheit erhöht die Akzeptanz einer Lösung durch die Bürgerinnen und Bürger.

2. Moderne Arbeit beschleunigt die Digitalisierung

Die Corona-Warn-App ist hinsichtlich der Geschwindigkeit der Realisierung ein ungewöhnliches Behördenprojekt. Wenn wir vor einem Jahr einen IT-Experten gefragt hätten, wie lange die Entwicklung einer IT-Lösung mit potenziell 44 Millionen Nutzern inklusive datenschutzrechtlich konformem Datenaustausch zu Behörden braucht, dann wäre sicher eine Projektlaufzeit von mindestens einem Jahr geschätzt worden. Dennoch wurde die Corona-Warn-App in nur wenigen Wochen realisiert. Wie kann das sein?

Das IT-Projekt selbst wurde nach der agilen Vorgehensweise Scrum realisiert. Aber es gab noch weitere und vielleicht bedeutsamere Effekte: Home-Office und Vertrauensarbeit. In einem Podcast berichteten zwei Entwickler der App, dass sie auf Grund der Pandemie viel effektiver arbeiten konnten als bislang üblich. Es musste kein Projektoffice geschaffen werden, aufwendige Dienstreisen entfielen und die Arbeit selbst konnte von allen Beteiligten viel flexibler organisiert werden. Die gesamte Lösung wurde virtuell aus dem Home-Office deutschlandweit verteilt entwickelt. Die Projektmitarbeiter haben sich selten bis nie persönlich getroffen.

Wir lernen: Flexible und agile Arbeitsformen in Kombination mit einem motivierenden Ziel entfalten eine große Dynamik in der Projektabwicklung. Der wichtigste Punkt dabei: Vertrauen in die Fähigkeiten der eigenen Mitarbeiter.

3. Dezentral schlägt zentral

Relativ früh brachte Chris Boos, Digital-Unternehmer und Mitglied des Digitalrats der Bundeskanzlerin, seine Idee zur Umsetzung der Corona-App ins Gespräch. Diese basierte auf einer zentralen Datenspeicherung nach dem Konzept Pepp-PT (Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing). Damit hat Boos nicht nur den Stein ins Rollen gebracht, sondern ihn gleichzeitig nach kurzer Zeit wieder abgebremst. Die zentrale Speicherung von Daten ist aus Gründen der IT-Sicherheit ein oft diskutierter Gefährdungspunkt. Eine zentrale Datenhaltung hätte zwangsläufig zu aktivem Widerstand gegenüber dem Corona-Projekt geführt. Erst der Umstieg auf den dezentralen Ansatz durch die SAP und Telekom führte zu einer Entspannung der Diskussion.

Das ist ein Punkt, der auch für die Frage der weiteren Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) relevant ist. Wir haben in Deutschland durch den Föderalismus bereits eine sehr dezentrale Datenhaltung. Das muss kein Nachteil sein. Was wir brauchen, sind offene und intelligente Konzepte zur Zusammenführung der Daten. Somit könnte die Corona-Warn-App auch einen kleinen Beitrag zur Registermodernisierung leisten.

Wir lernen: Eine föderale und dezentrale Verarbeitung ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil, wenn die verteilten Daten mit einem intelligenten Konzept datenschutzrechtlich sicher verknüpft werden.

4. Zusammenarbeit mit Nutzern fördert Lösungsqualität

Die offizielle Website für die Corona-App hat einen ungewöhnlichen Inhalt. Wir würden normalerweise erwarten, dass eine solche Seite zunächst das Produkt mit all seinen Vorteilen präsentiert. Aber das ist nicht der Fall. Die Website der Corona-App ist eher eine Einladung zur Zusammenarbeit. Ihr Titel lautet: "Helft uns, die Corona-Warn-App zu verbessern".

Und genau das ist auch passiert. Beispielsweise veröffentlichte der Chaos Computer Club sehr früh eine 10-Punkte-Checkliste für eine datenschutzkonforme Corona-Warn-App. Die Entwickler nahmen diese Liste als Basis und gingen im eigenen Denken sogar noch einen Schritt weiter: "Was müssen wir tun, um alle Sicherheitskonzepte unserer Lösung auszuhebeln?"

Wir lernen: Die beste Form zur Realisierung von digitalen Verwaltungsangeboten ist eine aktive und ernstgemeinte Zusammenarbeit auch mit kritischen Beteiligten und Nutzergruppen.

5. Offene Lösungen brauchen eine zentrale Heimstatt

Es gibt mittlerweile in Deutschland eine Reihe von interessanten Open-Source-Projekten in der Verwaltung. Das Problem ist nur, dass diese Projekte nicht einfach auffindbar sind. In der freien Wirtschaft gibt es für Open Source einen zentralen Ort der Begegnung. Seit vielen Jahren ist die Plattform GitHub der zentrale Dreh- und Angelpunkt für solche Projekte. Auf GitHub sind auch Code und Dokumentation der Corona-Warn-App zu finden, sowie erste Open-Source-Projekte der Stadt München. Aber Vorsicht: GitHub wird von der Firma Microsoft betrieben. Das bedeutet, dass Daten und Nutzerprofile auf amerikanischen Servern liegen, was eine Akzeptanz von GitHub im Verwaltungskontext erschweren könnte.

Es wäre daher äußerst hilfreich, wenn alle Open-Source-Projekte der Verwaltung auf einer gemeinsam betriebenen Plattform verfügbar wären, die den Anforderungen an den europäischen Datenschutz genüge tut. Die publicplan GmbH setzt sich daher gemeinsam mit der Open Source Business Alliance (OSBA) dafür ein, dass eine derartige Plattform kurzfristig in Deutschland zur Verfügung steht.

Wir lernen: Wir brauchen einen zentralen Ablageort für die Open-Source-Lösungen der Verwaltung. Erst dadurch sind offene Projekte und Lösungen auffindbar und eine schnelle Verbreitung von Konzepten wird ermöglicht.

6. Digitale Souveränität ist wichtig

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Bei der Realisierung der Corona-Warn-App gibt es einen Punkt, der uns besorgt. Die Plattformen Apple und Google diktieren im Detail, wie die Spielregeln zur Freigabe der App aussehen und auf welchen Geräten die Corona-Warn-App genutzt werden kann oder nicht. Die Digitalplattformen berühren in diesem Fall sogar hoheitliche Fragen.

Die Corona-Warn-App ist eine sanfte Mahnung, dass wir bei der Lösungsentwicklung von Verwaltungsangeboten die Abhängigkeit zu Plattformen auf ein Mindestmaß reduzieren und die digitale Souveränität erhalten sollten. Ein Weg dazu ist die Verwendung von Open-Source-Produkten als Basis der Lösungsentwicklung.

Wir lernen: Die Verwendung von Open Source verringert die Plattformabhängigkeit durch Hersteller und stärkt die digitale Souveränität der öffentlichen Hand.

Resümee

Zusammenfassend sind wir der Meinung, dass in der Corona-Krise mit der Entwicklung der Corona-Warn-App sehr viel richtig gemacht wurde. Digitalisierung „Made in Germany" funktioniert! Wichtig ist jetzt, dass wir den neuen Schwung für die anstehenden Projekte in der Verwaltung nutzen. Wir hoffen, dass wir Sie ein wenig neugierig gemacht haben und freuen uns auf Ihre Rückmeldungen oder Praxiserfahrungen zur Digitalisierung. Sprechen Sie uns gerne dazu an.

 

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