Derzeit wird, auch im Lichte des gerade beschlossenen Sondervermögens, wieder heiß diskutiert: Wie viel Budget sollten Bund, Länder und Kommunen für ihre digitale Transformation einplanen? Es geht um Millionen- bis Milliardenbeträge, um die Verwaltungen fit für die Zukunft zu machen. Doch sind diese hohen Ausgaben quasi ein „Verwaltungs-Selbstzweck“? Mitnichten, denn gut gemachte digitale Verwaltung kann mit großer Hebelwirkung zum starken Booster für die gesamte deutsche Wirtschaft werden.
Wo heute die Probleme liegen und was passieren muss, damit sich das Bild der Verwaltung vom bürokratischen Hindernis hin zum Wirtschaftsbooster wandeln kann, beleuchten wir in diesem Blogbeitrag.
Die Situation heute: Analoge Verwaltung als Bremse für die Wirtschaft
Obwohl sich in den letzten Jahren einiges bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung bewegt hat, scheint eines der Kernprobleme fortzubestehen: Unternehmen in Deutschland sehen die Verwaltung und vor allem ihre zu wenig digitalisierten Prozesse als Bremsklotz an. So auch das Stimmungsbild in einer im Oktober 2023 vom Branchenverband Bitkom durchgeführten Befragung: Die bisherige Digitalisierung wird mit der Schulnote „4“ bewertet, 74% der Unternehmen berichten, dass sie noch häufig digitale Dokumente ausgedruckt bei Behörden per Post oder Fax einreichen müssen. Eine große Mehrheit von 83% bewertet die mangelnde Verwaltungsdigitalisierung als Nachteil für den Standort Deutschland und 94% sehen die eigene Digitalisierung dadurch ausgebremst.
Dabei wären die Potenziale enorm: Bereits 2017 hatte der Nationale Normenkontrollrat (NKR) ausgerechnet, dass alleine durch das zentrale Projekt der Registermodernisierung die Wirtschaft um eine Milliarde Euro, Bürgerinnen und Bürger um 1,4 Milliarden Euro und die Verwaltung selbst um 3,9 Milliarden Euro entlastet würden. Bis heute ist die Registermodernisierung noch nicht umgesetzt – obwohl die Ersparnisse in wichtige Investitionen von Unternehmen, Privatleuten und der Verwaltung hätten fließen und damit die Wirtschaft hätte angekurbelt werden können. Auch das Vodafone Institut rechnete 2024 aus, dass für Bürgerinnen und Bürger durch eine beschleunigte Digitalisierung in Behörden bis zu 4,2 Millionen Stunden Wartezeit eingespart werden könnten. Übertragen auf Unternehmen, die mit durchschnittlich 200 Kontakten pro Jahr die „Power User“ der Verwaltung sind, liegen hier enorme Potenziale, Zeit und damit Geld einzusparen.

Auch abseits der abstrakten Zahlen liegt auf der Hand, wie eine digitalere Verwaltung die Wirtschaft stärken kann: Langwieriges Warten auf Genehmigungen verkürzt sich enorm, wenn Nachweise nicht mehr aktenordnerweise erbracht, sondern digital eingereicht werden können und hochautomatisiert statt händisch geprüft werden können. KI kann Beamte dabei unterstützen, schneller fundierte Entscheidungen zu treffen. Und Förder- und Wachstumsprogramme können mit digitaler Kommunikation schneller ihre volkswirtschaftliche Wirkung entfalten.
Hinzu kommt: Die Probleme der Verwaltung lassen sich nicht aussitzen, sie verschärfen sich vielmehr. Im öffentlichen Dienst stehen in den kommenden Jahren große Pensionierungswellen an. Bereits heute fehlen laut dem deutschen Beamtenbund (dbb) mehr als 570.000 Mitarbeitende. Bis 2030 werden nochmal bis zu 500.000 Menschen in Rente gehen – alleine in den Kommunen, berechnet der Städte- und Gemeindebund. Um diesem Braindrain zuvorzukommen, ist es dringend notwendig, dass Digitalisierung und Automatisierung der Verwaltung gestärkt werden, damit auch mit perspektivisch dünner werdenden Personaldecken wichtige Aufgaben zuverlässig und fachlich fundiert erfüllt werden können.
Investitionen in Digitalisierung – direkter Boost für das IT-Knowhow am Standort Deutschland
Verstärkte Anstrengungen zur Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung räumen also Wachstumshemmnisse aus dem Weg, sichern die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland und machen Spielräume für weitere Investitionen frei. So stärken Sie mittelbar die Wirtschaft und Volkswirtschaft.
Darüber hinaus können verstärkte Investitionen der öffentlichen Hand in ihre digitale Transformation auch direkte Effekte haben: Sie bieten das Potenzial die heimische, mittelständisch geprägte IT-Wirtschaft zu stärken, Knowhow weiter aufzubauen und zu festigen und Fachkräfte zu binden. Deshalb macht es Sinn, wenn der Staat bei seinen Investitionen verstärkt auf Anbieter aus der EU und Deutschland setzt. Auch im Zusammenhang mit den Diskussionen um digitale Souveränität, Unabhängigkeit und Transparenz ist dies ein großer Faktor: Eine leistungsfähige IT-Wirtschaft stärkt den gesamten Standort Deutschland. Mit vor Ort entwickelten und betriebenen Lösungen werden Datenschutz und Cybersicherheit gestärkt. Auch das kommt wiederum der Gesamtwirtschaft zugute, die verstärkt auf starke Partner vor Ort setzen kann.
Zum Stichwort digitale Souveränität ist ebenfalls anzumerken: Mit Investitionen in die digitale Transformation kann der Staat auch zum Ankerkunden werden, der freie und offene Software und Technologien stärkt. Das hat enorme Vorteile für den Staat, der sich somit nicht in Abhängigkeit von einzelnen Anbietern begibt, sondern die Hoheit über Daten und Dienste behält. Zum anderen stärkt es durch eine höhere Transparenz die zivilgesellschaftliche Kontrolle. Und auch hier werden Potenziale für die gesamte Wirtschaft frei: Gestärkte Open Source Ökosysteme bedeuten auch sichere und nachnutzbare Technologien, auf die Unternehmen neue Dienstleistungen aufsetzen können.
Perspektive: Ein digitales Deutschland, das der Wirtschaft souverän den Rücken stärkt

Von gut gemachter Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung kann Deutschland also gleich mehrfach profitieren. Administrative Prozesse werden beschleunigt und sind digital verfügbar. Damit verkürzt sich die Wartezeit von Unternehmen auf wichtige Dokumente und Genehmigungen und die Wertschöpfung steht nicht still. Durch verringerten bürokratischen Aufwand werden Ressourcen frei – die für neue Produktivität und wichtige Investitionen verwendet werden können. Und die Verwaltung kann sich fit machen, um auch mit dünner werdenden Personaldecken ihren Aufgaben schnell und fachlich fundiert nachzukommen.
Wichtig dabei ist, Fragen der digitalen Souveränität, Transparenz, Unabhängigkeit und Wirksamkeit nicht außer acht zu lassen. Es geht nicht darum, möglichst viel möglichst schnell zu digitalisieren, sondern jetzt in nachhaltig wirksame Systeme und Strukturen zu investieren. Open Source Software und Technologie spielt hier eine besondere Rolle. Denn sie hat unschlagbare Vorteile für die digitale Souveränität, schafft (digitale) Werte für die Allgemeinheit und kann damit auch außerhalb der Verwaltung Wertschöpfung vorantreiben. Verstärkte Investitionen in die digitale Verwaltung können auch die deutsche und europäische IT-Wirtschaft nachhaltig stärken, sodass zunehmend unabhängige Services und Produkte vor Ort entstehen können.